Verbindlichkeiten in der Bilanz: Arten, Laufzeiten und Entwicklung verstehen
Verbindlichkeiten stehen auf der Passivseite der Bilanz und zeigen bestehende Verpflichtungen des Unternehmens. Entscheidend ist nicht nur der Gesamtbetrag: Für die Einordnung sind insbesondere Art der Verbindlichkeiten, Restlaufzeiten, Gegenparteien und die Entwicklung über mehrere Geschäftsjahre relevant.
Wo stehen Verbindlichkeiten in der Bilanz? Verbindlichkeiten stehen bei Kapitalgesellschaften auf der Passivseite der Bilanz. Dazu können beispielsweise Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten, aus Lieferungen und Leistungen, gegenüber verbundenen Unternehmen und gegenüber Unternehmen mit Beteiligungsverhältnis gehören. Für eine sinnvolle Einordnung sollten Betrag, Zusammensetzung, Restlaufzeiten und Entwicklung über mehrere Jahre gemeinsam betrachtet werden.
Was sind Verbindlichkeiten in der Bilanz?
Verbindlichkeiten sind bestehende Verpflichtungen eines Unternehmens gegenüber Gläubigern. Sie werden auf der Passivseite der Bilanz ausgewiesen.
Je nach Ursache können die Gläubiger beispielsweise Banken, Lieferanten, verbundene Gesellschaften, Beteiligungsunternehmen oder andere Dritte sein.
Verbindlichkeiten gehören damit neben Eigenkapital und Rückstellungen zu den wesentlichen Bereichen der Passivseite.
Den vollständigen Aufbau finden Sie unter Bilanzpositionen .
Welche Verbindlichkeiten gibt es in der Bilanz?
§ 266 HGB unterscheidet bei Kapitalgesellschaften verschiedene Verbindlichkeitspositionen.
| Verbindlichkeitsart | Vereinfacht erklärt | Bei der Analyse interessant |
|---|---|---|
| Anleihen | Verbriefte Fremdfinanzierung des Unternehmens | Höhe, Veränderungen und langfristige Finanzierung |
| Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten | Verpflichtungen gegenüber Banken und Kreditinstituten | Entwicklung der Bankfinanzierung und Restlaufzeiten |
| Erhaltene Anzahlungen auf Bestellungen | Bereits erhaltene Zahlungen, bevor die entsprechende Leistung vollständig erbracht wurde | Entwicklung im Zusammenhang mit Geschäftstätigkeit und Auftragsbestand |
| Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen | Offene Verpflichtungen gegenüber Lieferanten und Dienstleistern | Höhe und Veränderung gegenüber Vorjahren |
| Wechselverbindlichkeiten | Verpflichtungen aus angenommenen oder ausgestellten Wechseln | Je nach Unternehmen und Geschäftsmodell unterschiedlich relevant |
| Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen | Verpflichtungen gegenüber Gesellschaften innerhalb eines Unternehmensverbunds | Konzerninterne Finanzierung und Unternehmensnetzwerk |
| Verbindlichkeiten gegenüber Unternehmen mit Beteiligungsverhältnis | Verpflichtungen gegenüber Gesellschaften, zu denen ein Beteiligungsverhältnis besteht | Finanzielle Beziehungen zu Beteiligungsunternehmen |
| Sonstige Verbindlichkeiten | Weitere Verpflichtungen, die keinem spezielleren Posten zugeordnet werden | Zusammensetzung und Erläuterungen genauer prüfen |
Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten
Diese Position umfasst Verpflichtungen gegenüber Kreditinstituten und ist bei vielen Unternehmen ein wichtiger Bestandteil der Fremdfinanzierung.
Ein hoher Betrag ist allein noch keine Aussage über die finanzielle Stabilität. Entscheidend ist beispielsweise, was mit der Finanzierung aufgebaut oder finanziert wurde, welche Restlaufzeiten bestehen und wie sich gleichzeitig Vermögen und Eigenkapital entwickeln.
Höhe betrachten
Wie groß ist die Bankfinanzierung im Verhältnis zur gesamten Bilanz?
Entwicklung vergleichen
Steigen oder sinken die Bankverbindlichkeiten über mehrere Geschäftsjahre?
Vermögen mitprüfen
Wurde gleichzeitig Anlagevermögen aufgebaut oder haben sich andere Aktivposten verändert?
Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen
Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen entstehen typischerweise, wenn ein Unternehmen Waren oder Dienstleistungen erhalten hat, die Rechnung aber am Bilanzstichtag noch nicht bezahlt ist.
Ihre Höhe sollte deshalb im Zusammenhang mit Geschäftsvolumen, Einkaufsvolumen, Zahlungsbedingungen und Vorjahreswerten betrachtet werden.
Ein höherer Betrag kann beispielsweise bei einem wachsenden Unternehmen plausibel sein, ohne automatisch auf Zahlungsschwierigkeiten hinzudeuten.
Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen
Diese Position ist besonders interessant, wenn ein Unternehmen Teil einer Unternehmensgruppe ist.
Sie zeigt, dass zum Bilanzstichtag Verpflichtungen gegenüber verbundenen Gesellschaften bestehen.
Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, welche Gesellschaft Mutter-, Tochter- oder Schwestergesellschaft ist oder wie die Kontrollverhältnisse tatsächlich aussehen.
Dafür sollte die Bilanz mit Beteiligungen & Eigentümern abgeglichen werden.
Verbindlichkeiten gegenüber Unternehmen mit Beteiligungsverhältnis
Neben verbundenen Unternehmen kennt die Bilanz auch Verpflichtungen gegenüber Unternehmen, mit denen ein Beteiligungsverhältnis besteht.
Für die Unternehmensprüfung ist hier interessant, welche Gesellschaft hinter dieser Position steht und welches Beteiligungsverhältnis besteht.
Die Bilanzposition allein liefert dafür nicht zwingend die vollständige Struktur. Beteiligungsinformationen und Unternehmensnetzwerk sollten deshalb zusätzlich ausgewertet werden.
Restlaufzeiten von Verbindlichkeiten
Für die Einordnung ist nicht nur wichtig, wie hoch Verbindlichkeiten sind, sondern auch wann sie fällig werden.
Nach § 268 Abs. 5 HGB sind bei den gesondert ausgewiesenen Verbindlichkeitsposten die Beträge mit einer Restlaufzeit bis zu einem Jahr und mit einer Restlaufzeit von mehr als einem Jahr zu vermerken.
Zusätzlich sieht § 285 HGB im Anhang Angaben zum Gesamtbetrag der Verbindlichkeiten mit einer Restlaufzeit von mehr als fünf Jahren sowie zu bestimmten Sicherheiten vor.
Bis 1 Jahr
Verpflichtungen, die innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit fällig werden.
Mehr als 1 Jahr
Verpflichtungen mit längerer Restlaufzeit.
Mehr als 5 Jahre
Der Gesamtbetrag ist nach den gesetzlichen Voraussetzungen im Anhang anzugeben.
Gesicherte Verbindlichkeiten
Neben der Laufzeit kann auch relevant sein, ob Verbindlichkeiten durch Pfandrechte oder ähnliche Rechte gesichert sind.
§ 285 HGB sieht hierzu im Anhang Angaben über den Gesamtbetrag solcher Verbindlichkeiten sowie Art und Form der Sicherheiten vor.
Deshalb sollte bei einer tieferen Analyse nicht ausschließlich die Bilanz, sondern auch der Anhang zum Jahresabschluss berücksichtigt werden.
Was sind sonstige Verbindlichkeiten?
Unter den sonstigen Verbindlichkeiten werden Verpflichtungen zusammengefasst, die nicht unter eine speziellere Verbindlichkeitsart fallen.
§ 266 HGB sieht dabei unter anderem gesonderte Davon-Vermerke für Verbindlichkeiten aus Steuern und im Rahmen der sozialen Sicherheit vor.
Bei größeren Veränderungen kann deshalb interessant sein, welche Bestandteile hinter dem Sammelposten stehen.
Verbindlichkeiten und Rückstellungen: Was ist der Unterschied?
Bestehende Verpflichtungen
Verbindlichkeiten betreffen Verpflichtungen, die dem Grunde und regelmäßig auch dem Betrag nach bereits konkreter bestimmt sind.
RückstellungenVerpflichtungen mit Unsicherheit
Bei Rückstellungen besteht typischerweise noch Unsicherheit etwa über Höhe oder Fälligkeit.
Sind hohe Verbindlichkeiten schlecht?
Nicht automatisch. Ein absolut hoher Verbindlichkeitsbetrag sagt ohne Vergleichsgrößen wenig aus.
Ein großes Unternehmen kann wesentlich höhere Verbindlichkeiten besitzen als ein kleines Unternehmen, ohne dass daraus allein eine schlechtere Finanzsituation folgt.
Entscheidend ist beispielsweise, wie sich Verbindlichkeiten im Verhältnis zur Bilanzsumme entwickeln und wie gleichzeitig Eigenkapital und Vermögenswerte aussehen.
Was bedeuten steigende Verbindlichkeiten?
Steigende Verbindlichkeiten sind zunächst eine Veränderung, deren Ursache ermittelt werden sollte.
Mehr Bankfinanzierung
Das Unternehmen kann zusätzliche Kredite aufgenommen haben.
Mehr Lieferantenverbindlichkeiten
Höhere Einkaufsvolumina oder veränderte Zahlungszeitpunkte können eine Rolle spielen.
Mehr Konzernfinanzierung
Verpflichtungen gegenüber verbundenen Unternehmen können zugenommen haben.
Investitionen
Fremdkapital kann mit dem Aufbau von Anlagevermögen zusammenhängen.
Wachstum
Ein höheres Geschäftsvolumen kann mit höheren Verpflichtungen einhergehen.
Finanzierungsstruktur verändert
Der Anteil von Eigen- und Fremdfinanzierung kann sich verschoben haben.
Was bedeuten sinkende Verbindlichkeiten?
Sinkende Verbindlichkeiten können auf Schuldenabbau hindeuten, müssen aber ebenfalls im Zusammenhang betrachtet werden.
Gleichzeitig können beispielsweise liquide Mittel, Anlagevermögen, Geschäftstätigkeit oder Bilanzsumme zurückgehen.
Deshalb reicht auch hier der Blick auf eine einzelne Bilanzposition nicht aus.
Beispiel: Verbindlichkeiten über mehrere Jahre vergleichen
| Jahr | Verbindlichkeiten | Bilanzsumme | Beobachtung |
|---|---|---|---|
| 2022 | 2,0 Mio. € | 4,5 Mio. € | Ausgangswert |
| 2023 | 2,2 Mio. € | 5,0 Mio. € | moderater Anstieg |
| 2024 | 2,5 Mio. € | 5,8 Mio. € | Bilanz wächst ebenfalls |
| 2025 | 4,1 Mio. € | 7,0 Mio. € | deutlicher Sprung – Zusammensetzung prüfen |
Verbindlichkeiten richtig vergleichen
Gesamtbetrag ansehen
Prüfen Sie zunächst, ob die Verbindlichkeiten steigen, sinken oder stabil bleiben.
Verbindlichkeitsarten trennen
Bankverbindlichkeiten, Lieferantenverbindlichkeiten und Konzernverbindlichkeiten nicht als einen einzigen Betrag betrachten.
Restlaufzeiten prüfen
Kurzfristige und längerfristige Verpflichtungen unterscheiden.
Bilanzsumme hinzunehmen
Prüfen Sie, wie stark die gesamte Bilanz gleichzeitig wächst oder schrumpft.
Eigenkapital vergleichen
Die Finanzierung sollte nicht ohne Entwicklung des Eigenkapitals betrachtet werden.
Aktivseite prüfen
Welche Vermögenswerte stehen den zusätzlichen Verpflichtungen gegenüber?
Mehrere Jahre betrachten
Erst der Zeitverlauf zeigt, ob eine Veränderung einmalig ist oder sich eine dauerhafte Entwicklung ergibt.
Was steht den Verbindlichkeiten auf der Aktivseite gegenüber?
Die Passivseite zeigt, woher die Finanzierung stammt. Die Aktivseite zeigt, wo die Mittel im Unternehmen gebunden sind.
Steigen Verbindlichkeiten, sollte deshalb geprüft werden, welche Aktivpositionen gleichzeitig wachsen.
Konzernverbindlichkeiten und Unternehmensnetzwerk verbinden
Besonders interessant können Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen sein.
Steigt diese Position stark, lässt sich aus der Bilanz allein noch nicht erkennen, welche Gesellschaft innerhalb der Gruppe die Gegenpartei ist und welche Eigentums- oder Kontrollbeziehungen bestehen.
Deshalb sollte eine solche Bilanzposition mit der Unternehmensstruktur abgeglichen werden.
Warum der Anhang bei Verbindlichkeiten wichtig ist
Die Bilanz zeigt die wesentlichen Verbindlichkeitsposten und Beträge.
Der Anhang kann zusätzliche Angaben enthalten, beispielsweise zu langfristigen Verbindlichkeiten und zu Sicherheiten.
Deshalb sollte bei einer vertieften Analyse nicht nur die Bilanzzeile selbst betrachtet werden.
Wo finde ich die Verbindlichkeiten einer Firma?
Verbindlichkeiten sind aus der Passivseite einer Unternehmensbilanz ersichtlich, soweit die entsprechende Bilanz öffentlich zugänglich ist.
Für neuere Rechnungslegungsunterlagen ist insbesondere das Unternehmensregister relevant. Für ältere Geschäftsjahre kann der Bundesanzeiger die passende Quelle sein.
Wann sind Verbindlichkeiten für Unternehmensprüfungen relevant?
Verbindlichkeiten zeigen, wem Geld geschuldet wird. Nicht immer zeigen sie, wer dahintersteht.
Besonders bei Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen oder Beteiligungsunternehmen kann die Bilanz einen wichtigen Hinweis liefern.
Sie zeigt jedoch nicht automatisch, wie die betreffenden Gesellschaften eigentums- oder kontrollseitig miteinander verbunden sind.
Ein Firmendossier verbindet verfügbare Finanzinformationen mit Eigentümern, Beteiligungsstrukturen, Geschäftsführung, Personenhistorie und Unternehmensnetzwerk.
Beteiligungs- und Eigentümerstrukturen können dabei – soweit anhand verfügbarer Informationen nachvollziehbar – bis zur fünften Netzwerkebene betrachtet werden.
Weiterführende Themen zu Jahresabschlüssen & Bilanzen
Rechtliche Grundlagen zu Verbindlichkeiten
Häufige Fragen zu Verbindlichkeiten in der Bilanz
Wo stehen Verbindlichkeiten in der Bilanz?
Verbindlichkeiten stehen bei Kapitalgesellschaften auf der Passivseite der Bilanz.
Welche Verbindlichkeiten gibt es in einer Bilanz?
Dazu gehören unter anderem Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten, aus Lieferungen und Leistungen, gegenüber verbundenen Unternehmen, gegenüber Unternehmen mit Beteiligungsverhältnis und sonstige Verbindlichkeiten.
Sind Verbindlichkeiten Schulden?
Verbindlichkeiten stellen bilanzielle Verpflichtungen gegenüber Gläubigern dar. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden sie daher häufig den Schulden eines Unternehmens zugerechnet. Für eine genaue Finanzanalyse sollten jedoch die einzelnen Arten unterschieden werden.
Sind hohe Verbindlichkeiten schlecht?
Nicht automatisch. Entscheidend sind Unternehmensgröße, Bilanzsumme, Eigenkapital, Zusammensetzung, Laufzeiten und Entwicklung der Verbindlichkeiten.
Was bedeutet es, wenn Verbindlichkeiten steigen?
Die Verpflichtungen des Unternehmens haben zugenommen. Die Ursache kann beispielsweise zusätzliche Bankfinanzierung, höhere Lieferantenverbindlichkeiten oder Konzernfinanzierung sein.
Was bedeutet es, wenn Verbindlichkeiten sinken?
Dies kann beispielsweise durch Rückzahlung oder anderweitigen Abbau von Verpflichtungen entstehen. Für eine Bewertung sollten aber auch Aktivseite und Geschäftsentwicklung betrachtet werden.
Was sind Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen?
Das sind Verpflichtungen gegenüber Gesellschaften, die im handelsrechtlichen Sinn zum Unternehmensverbund gehören. Die Bilanzposition ersetzt jedoch keine vollständige Analyse der Beteiligungsstruktur.
Warum sind Restlaufzeiten wichtig?
Sie zeigen, wann Verpflichtungen fällig werden. Dadurch lässt sich ein Verbindlichkeitsbestand differenzierter beurteilen als allein anhand des Gesamtbetrags.
Was ist der Unterschied zwischen Verbindlichkeiten und Rückstellungen?
Bei Verbindlichkeiten ist die Verpflichtung grundsätzlich konkreter bestimmt. Bei Rückstellungen besteht typischerweise noch Unsicherheit über Höhe oder Fälligkeit.
Wo finde ich die Verbindlichkeiten eines Unternehmens?
Sie sind aus der Passivseite einer öffentlich zugänglichen Bilanz ersichtlich. Wie Sie Unternehmensbilanzen recherchieren, erklären wir unter Bilanz einsehen .
Reichen Verbindlichkeiten zur Beurteilung der Verschuldung?
Nein. Sie sollten gemeinsam mit Eigenkapital, Bilanzsumme, Vermögensstruktur, Laufzeiten und weiteren Finanzinformationen betrachtet werden.
Verbindlichkeiten erkannt – jetzt Finanzierung und Unternehmensstruktur verbinden
Firmendossiers verbinden verfügbare Finanzinformationen über mehrere Geschäftsjahre mit Eigentümern, Beteiligungsstrukturen, handelnden Personen, Personenhistorie und Unternehmensnetzwerk. Dadurch können auch Veränderungen bei Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen oder Beteiligungsgesellschaften besser eingeordnet werden.
